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Kapitel 5 · Die Chemie der Teams · Aktivität 5.1

Herzschlag und Stress

Nicht wie schnell dein Herz schlägt, sondern wie unregelmässig — die Herzratenvariabilität verrät Anspannung, lange bevor du sie bemerkst.

Dauer 90 Min Schwierigkeit mittel Gruppe zu zweit Rein digital möglich H/S

Kurz gesagt

Was: Du misst deinen eigenen Herzschlag in Ruhe und unter Stress und rechnest aus, wie stark der Abstand zwischen zwei Schlägen schwankt — die Herzratenvariabilität (HRV). Du wirst sehen: Unter Stress wird das Herz gleichmässiger, die HRV sinkt. Das ist eines der ehrlichsten Signale, die der Körper aussendet.

Du brauchst: entweder einen Brustgurt (z. B. Polar H10) für saubere Daten oder nur eine Webcam für die kontaktlose Variante. Die Auswertung läuft in Python direkt im Browser.

Worum es geht

Dein Puls ist nie ein Metronom. Selbst wenn er „70 pro Minute“ macht, ist der Abstand von Schlag zu Schlag mal etwas länger, mal kürzer. Dieses feine Zittern ist kein Fehler — es ist ein Zeichen von Gesundheit. Ein entspanntes Herz wird von zwei Nerven-Systemen gleichzeitig gestimmt (Gas und Bremse), und ihr Wechselspiel macht die Abstände abwechslungsreich. Unter Stress übernimmt das „Gas“ allein: Das Herz wird schneller und gleichförmiger, die Variabilität schrumpft.

Damit ist die HRV ein ehrliches Signal im Sinne dieses Kapitels: schwer zu fälschen, direkt an den Körperzustand gekoppelt. Genau solche Signale nutzt die Happimeter-Forschung, um Stimmung und Stress in Teams zu messen — nicht aus dem, was Menschen sagen, sondern aus dem, was ihr Körper tut.

Herzschlag-Kurve mit markierten Schlagabständen
Von Schlag zu Schlag. Gemessen wird nicht die Herzfrequenz selbst, sondern der Abstand zwischen zwei Schlägen (das RR-Intervall). Wie stark diese Abstände schwanken, ist die HRV.

Ein bisschen Hintergrund

Was genau ist HRV? Man misst die Zeit zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen — die RR-Intervalle, in Millisekunden. Ein gängiges Mass ist RMSSD: Man schaut, wie stark sich je zwei benachbarte Intervalle unterscheiden, und mittelt das. Hohe RMSSD = viel Abwechslung = entspannt. Niedrige RMSSD = gleichförmig = angespannt.

Zwei Wege zum Puls. Der Brustgurt misst wie ein EKG direkt die elektrische Herzaktivität — präzise, das Beste für HRV. Die Webcam-Variante nutzt, dass dein Gesicht bei jedem Herzschlag winzig röter wird (das Blut pulsiert) — das nennt man rPPG. Sie ist beeindruckend, aber empfindlicher gegen Bewegung und Licht. Für den ersten Blick reicht sie; für saubere HRV ist der Gurt besser.

Messen

  1. Ruhemessung. Setz dich bequem hin, atme zwei Minuten ruhig, dann miss 3 Minuten. Bewege dich möglichst wenig — Bewegung ist der Hauptfeind sauberer Daten.
  2. Stress erzeugen. Jetzt der Kontrast: 2 Minuten Kopfrechnen unter Zeitdruck (fortlaufend von 1000 in 7er-Schritten rückwärts) oder eine unangenehme, aber harmlose Aufgabe. Miss dabei weiter 3 Minuten.
  3. Erholung. Miss noch 3 Minuten in Ruhe und beobachte, ob die HRV wieder steigt. Die Geschwindigkeit der Erholung ist selbst ein interessantes Signal.
  4. Daten sichern. Exportiere die RR-Intervalle (Gurt-App) oder speichere die von der Webcam geschätzten Werte. Du brauchst je eine Liste für Ruhe, Stress und Erholung.

Fairness und Freiwilligkeit

Körpermessungen sind persönlich. Niemand muss sich messen lassen, und niemand teilt seine Werte ungefragt. Vergleicht innerhalb einer Person (Ruhe vs. Stress), nicht Personen untereinander — HRV hängt stark von Alter und Fitness ab, ein Ranking wäre unfair und aussagelos.

Auswerten mit Python

Der Code rechnet aus deinen RR-Intervallen die HRV (RMSSD) für jeden Abschnitt aus und zeigt, wie sie unter Stress fällt. Läuft im Browser (Pyodide); der vollständige Code liegt auf GitHub.

import numpy as np

def rmssd(rr):
    """rr = Liste der Schlagabstaende in Millisekunden."""
    rr = np.asarray(rr, dtype=float)
    diff = np.diff(rr)                 # Unterschied benachbarter Abstaende
    return np.sqrt(np.mean(diff**2))   # RMSSD in ms

def herzrate(rr):
    return 60000.0 / np.mean(rr)       # Schlaege pro Minute

# ---- deine drei Messreihen einsetzen (aus Gurt-App oder Webcam) ----
ruhe    = [812, 845, 798, 861, 833, 807, 850, 795]   # Beispielwerte
stress  = [612, 620, 605, 618, 609, 615, 611, 607]
erholung= [740, 792, 733, 805, 758, 781, 726, 799]

for name, rr in [("Ruhe", ruhe), ("Stress", stress), ("Erholung", erholung)]:
    print(f"{name:9s}  Puls {herzrate(rr):4.0f}/min   HRV(RMSSD) {rmssd(rr):5.1f} ms")

# Erwartung: unter Stress steigt der Puls UND die HRV faellt deutlich.

Was du sehen solltest

In Ruhe eine höhere HRV (grössere Abwechslung der Abstände), unter Stress eine deutlich niedrigere — oft halbiert — bei gleichzeitig höherem Puls. In der Erholung klettert die HRV wieder nach oben, meist langsamer als sie gefallen ist. Fällt die HRV bei dir nicht, war die Stressaufgabe vielleicht zu leicht — oder die Messung zu verrauscht.

Arbeitsblatt

Dein ehrliches Signal lesen

  1. Trage Puls und HRV für Ruhe, Stress und Erholung ein. Um wie viel Prozent fiel die HRV von Ruhe zu Stress?
  2. Warum ist die HRV ein besseres Stressmass als die Herzfrequenz allein? (Tipp: Auch Treppensteigen hebt den Puls.)
  3. Warum vergleichen wir eine Person mit sich selbst und nicht mehrere Personen untereinander?
  4. RMSSD schaut auf den Unterschied benachbarter Schläge. Warum ist das robuster gegen langsame Trends (z. B. dass der Puls über die Minute leicht steigt) als „einfach die Streuung aller Abstände“?
  5. Wo liegt die Grenze: Was kann die HRV zeigen — und was kann sie nicht (z. B. „warum“ jemand gestresst ist)?
Lösung anzeigen

1. Individuell; typisch fällt die HRV unter akutem Stress um 30–60 %. Prozent = (HRV_Ruhe − HRV_Stress) / HRV_Ruhe × 100.

2. Der Puls steigt aus vielen Gründen (Bewegung, Koffein, Aufstehen). Die HRV misst gezielter das Gleichgewicht von „Gas und Bremse“ des Nervensystems und reagiert spezifischer auf mentale Anspannung — auch wenn man ruhig sitzt.

3. HRV hängt stark von Alter, Fitness und Tagesform ab. Ein Vergleich zwischen Personen wäre unfair und würde nichts über Stress aussagen. Nur der Vergleich derselben Person über die Zeit ist aussagekräftig.

4. Weil RMSSD nur Nachbarn vergleicht, hebt sich ein langsamer Anstieg des Grundpulses weitgehend heraus — jeder Schritt wird nur mit dem direkt davor verglichen. Ein Mass über alle Abstände zugleich würde den langsamen Trend fälschlich als „Variabilität“ zählen.

5. Die HRV kann zeigen, dass der Körper in einem angespannten Zustand ist. Sie kann nicht sagen, warum (Angst? Aufregung? Freude? Kaffee?) und schon gar nicht, was jemand denkt. Körperzustand ≠ Gedanke — genau diese Grenze zieht sich durchs ganze Buch.

Wenn's klemmt

ProblemWahrscheinliche Ursache & Lösung
HRV-Werte springen völlig wildBewegungsartefakte oder Fehlschläge in der Schlag-Erkennung. Ruhiger sitzen; einzelne „Ausreisser“-Intervalle (unrealistisch kurz/lang) vor der Rechnung entfernen.
Webcam-Puls unstabilrPPG braucht gleichmässiges Licht und einen ruhigen Kopf. Ans Fenster setzen (Tageslicht), Gesicht mittig, nicht sprechen während der Messung.
HRV fällt unter Stress nichtAufgabe zu leicht oder zu kurz. Anspruchsvoller/länger gestalten; sicherstellen, dass die Ruhemessung wirklich entspannt war (nicht direkt nach dem Herrennen).
Brustgurt liefert keine RR-IntervalleViele Apps geben nur den Puls aus. Eine App wählen, die RR-/IBI-Export kann; Gurt-Elektroden anfeuchten.

Zum Nachdenken

Erweiterung

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