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Kapitel 11 · Pflanzen fühlen · Aktivität 11.2

Berührung und Licht

Reize setzen, Antworten messen — und lernen, eine echte Reaktion von einem Wackelkontakt zu unterscheiden.

Dauer 90 Min Schwierigkeit mittel Gruppe zu zweit Voraussetzung Aktivität 11.1 H

Kurz gesagt

Was: Du nutzt deinen selbstgebauten Pflanzensensor aus Aktivität 11.1 und setzt der Pflanze gezielte Reize — eine sanfte Berührung, einen Lichtwechsel. Du zeichnest den Spannungsverlauf mit Zeitstempel auf und prüfst mit einer Kontrolle, ob die Kurve wirklich auf den Reiz reagiert.

Du brauchst: den fertigen Sensor, einen Laptop, eine kräftige Zimmerpflanze und eine Schreibtischlampe. Kein neues Bauteil, nur ein erweiterter Sketch.

Worum es geht

In Aktivität 11.1 hast du gesehen, dass durch eine lebende Pflanze eine winzige, langsame Spannung läuft. Jetzt stellst du die entscheidende Frage: Antwortet die Pflanze auf ihre Umwelt? Berühre ein Blatt, und in vielen Pflanzen läuft eine elektrische Welle durch — Botanikerinnen nennen sie Aktionspotential oder, bei Verletzung, Variationspotential. Es ist derselbe Mechanismus, mit dem eine Mimose ihre Blätter zusammenklappt, nur dass wir ihn hier direkt als Spannung sehen.

Genauso reagieren Pflanzen auf Licht: Wird es plötzlich dunkel, verschieben sich die Ionenströme in den Blattzellen, und die Grundlinie deiner Kurve macht einen kleinen Sprung. Das ist keine Magie, sondern Physiologie. Das Spannende — und der rote Faden dieses Buches — ist die zweite Frage: Woher weisst du, dass die Kurve auf den Reiz reagiert und nicht auf dich?

Bevor du startest

Der Sensor aus Aktivität 11.1 muss laufen: eine ruhige Linie auf dem OLED, kein wildes Zappeln. Läuft er noch nicht sauber, geh zuerst dorthin zurück — sonst misst du hier nur Rauschen. Lass die Pflanze nach dem Ankleben der Elektrode zwei bis drei Minuten zur Ruhe kommen, bevor du den ersten Reiz setzt.

Ein bisschen Hintergrund

Warum „langsam“ hier wichtig ist. Ein Nervenimpuls beim Menschen dauert Millisekunden. Eine pflanzliche Erregungswelle ist tausendfach träger: Sie kriecht mit Sekunden bis Minuten durch das Gewebe. Genau deshalb kannst du sie mit einem billigen Sensor überhaupt sehen — und genau deshalb musst du geduldig sein. Nach einer Berührung kommt die Antwort oft erst ein bis zwei Sekunden später und klingt über zehn bis dreissig Sekunden wieder ab.

Warum eine Kontrolle unverzichtbar ist. Wenn du ein Blatt berührst, bewegt sich das Kabel, du bringst statische Ladung deiner Hand ein, vielleicht verschiebt sich das Gel-Pad minimal. Jeder dieser Effekte macht einen Ausschlag — ganz ohne dass die Pflanze „etwas fühlt“. Ein Befund entsteht erst, wenn der Ausschlag am lebenden Blatt auftritt, nicht aber in der Kontrolle. Das ist der Kern wissenschaftlichen Arbeitens: nicht das Staunen, sondern das Ausschliessen.

Der Pflanzensensor im Einsatz an einer Zimmerpflanze
Der Aufbau aus Aktivität 11.1: Elektrode am Blatt, Signalkurve auf dem Display. Denselben Sensor benutzt du jetzt, um Reize zu testen.

Vorbereiten

  1. Sketch erweitern. Lade den erweiterten Sketch aus dem Anhang auf den ESP32. Er macht dasselbe wie vorher, markiert aber zusätzlich: Sobald du die BOOT-Taste drückst, schreibt er ein EVENT in den Seriellen Monitor. So hast du im Datenstrom einen exakten Zeitstempel für „jetzt habe ich den Reiz gesetzt“.
  2. Seriellen Plotter öffnen. Werkzeuge ▸ Serieller Plotter, 115200 Baud. Hier siehst du die Kurve gross und kannst Ausschläge genau ablesen. Für die spätere Auswertung öffnest du parallel den Seriellen Monitor und kopierst die Zahlen heraus.
  3. Ruhelinie abwarten. Lass die Pflanze zwei Minuten in Ruhe. Notiere, wie stark die Linie von allein schwankt — das ist dein Grundrauschen. Nur was deutlich grösser ist, zählt später als Reaktion.

Versuch A — Berührung

  1. Reiz setzen. Berühre ein anderes Blatt als das mit der Elektrode sanft mit einem Finger oder einem Wattestäbchen. Drücke im selben Moment die BOOT-Taste (Zeitstempel).
  2. Warten und beobachten. Schau die nächsten 30 Sekunden auf die Kurve. Kommt ein Ausschlag? Wann — sofort oder verzögert? Wie lange dauert er?
  3. Wiederholen. Warte eine Minute (die Pflanze „erholt“ sich), dann berühre erneut. Mach das fünfmal. Eine einzelne Reaktion ist Zufall, fünf ähnliche sind ein Muster.
  4. Kontrolle. Jetzt der wichtigste Schritt: Führe dieselbe Bewegung neben der Pflanze in der Luft aus, ohne ein Blatt zu berühren — BOOT drücken, warten. Passiert dasselbe, lag es an dir. Passiert nichts, spricht das für eine echte Pflanzenreaktion.

Versuch B — Licht

  1. Abdunkeln. Schalte bei ruhiger Linie das Raumlicht und die Lampe aus (BOOT drücken). Warte 60 Sekunden. Viele Pflanzen zeigen beim Übergang hell→dunkel einen langsamen Drift der Grundlinie.
  2. Aufhellen. Schalte das Licht wieder an (BOOT drücken), warte erneut. Der Übergang dunkel→hell fällt oft deutlicher aus als umgekehrt.
  3. Kontrolle. Halte die Hand kurz über die Elektrode, ohne das Licht zu ändern — nur Schatten, kein echter Reiz für die ganze Pflanze. Verändert das die Kurve? Wenn ja, misst du vielleicht Wärme oder Bewegung statt Licht.

Tipp: sauber protokollieren

Notiere für jeden Reiz drei Dinge: Uhrzeit/Sekunde, Art des Reizes und Ausschlag ja/nein/wie stark. Ohne Protokoll verschwimmen fünf Versuche im Nachhinein zu „hat irgendwie reagiert“. Mit Protokoll wird daraus ein Ergebnis, über das man streiten kann — und genau das ist Wissenschaft.

Arbeitsblatt

Deine Messreihe auswerten

  1. Wie gross war dein Grundrauschen in Ruhe (ungefährer Bereich, in dem die Linie ohne Reiz schwankt)? Warum musst du diesen Wert kennen, bevor du von einer „Reaktion“ sprichst?
  2. Bei wie vielen der fünf Berührungen kam ein klarer Ausschlag? Und bei wie vielen der fünf Luft-Kontrollen? Trage beide Zahlen ein.
  3. Gab es beim Licht-Versuch einen Unterschied zwischen hell→dunkel und dunkel→hell? Beschreibe ihn.
  4. Angenommen, deine Nachbargruppe misst dasselbe und bekommt bei Berührung keinen Ausschlag. Nenne zwei mögliche Gründe, die nichts mit „ihre Pflanze fühlt nichts“ zu tun haben.
  5. Formuliere in einem Satz, was du heute belegen konntest — und was du nicht belegen konntest.
Lösung anzeigen

1. Typisch schwankt die Linie in Ruhe um einen kleinen Bereich (z. B. ± ein paar Prozent der Skala). Du musst ihn kennen, weil ein „Ausschlag“, der kleiner ist als das Grundrauschen, kein Signal ist, sondern Zufall. Reaktion = deutlich grösser als das Rauschen.

2. Erwartbar: mehrere klare Ausschläge bei echter Berührung, kaum oder keine bei der Luft-Kontrolle. Genau dieser Unterschied ist der Beleg. Kommt bei der Kontrolle auch ein Ausschlag, misst du Bewegung/Statik, nicht die Pflanze.

3. Häufig ist der Übergang dunkel→hell der stärkere Reiz (das Photosynthesesystem „springt an“). Wichtiger als das Vorzeichen ist, dass überhaupt ein reproduzierbarer Unterschied zur Ruhelinie erkennbar ist.

4. Zum Beispiel: schlechter Elektrodenkontakt (trockenes Gel-Pad), eine andere Pflanzenart mit schwächerer Reaktion, zu kurze Erholungspause zwischen den Reizen, oder eine bereits „gestresste“ Pflanze. Das Ergebnis hängt vom Aufbau ab, nicht nur von der Pflanze.

5. Belegbar ist meist: „Bei Berührung/Lichtwechsel ändert sich die gemessene Spannung reproduzierbar, in der Kontrolle nicht.“ Nicht belegbar ist: „Die Pflanze fühlt Schmerz“ oder „nimmt mich wahr“ — das wäre eine Deutung, kein Messergebnis.

Wenn's klemmt

ProblemWahrscheinliche Ursache & Lösung
Jeder Reiz gibt einen Riesen-Ausschlag, auch die KontrolleDu bewegst das Kabel oder bringst Statik ein. Kabel fixieren (Tesa), vorher an einem Heizkörper entladen, Reiz mit einem isolierten Stäbchen setzen statt mit dem Finger.
Gar keine Reaktion, auch nicht bei kräftiger BerührungElektrodenkontakt oder Pflanze. Gel-Pad erneuern, Blatt reinigen, eine gutmütigere Pflanze nehmen (Kalanchoe, Mimose). Genügend Erholungspause lassen.
Kurve driftet langsam immer in eine RichtungDas ist meist normales „Einpendeln“ des Kontakts. Vor dem Versuch länger warten, bis die Grundlinie ruhig liegt.
EVENT-Marke fehlt im MonitorNicht die richtige Taste — die BOOT-Taste (nicht EN/Reset) drücken. Baudrate im Monitor auf 115200 stellen.

Zum Nachdenken

Erweiterung

Anhang: der erweiterte Sketch

Wie in 11.1, aber mit Event-Marke auf der BOOT-Taste (GPIO0). Die getestete Fassung liegt auch auf github.com/pgloor/verborgene-signale-code.

/*  Pflanzensensor + Reiz-Marke  -  Verborgene Signale, Aktivitaet 11.2
    Wie 11.1, aber: BOOT-Taste (GPIO0) schreibt "EVENT" mit Zeitstempel.
    Board: DOIT ESP32 DEVKIT V1   Bibliotheken: Adafruit SSD1306 + GFX  */
#include <Wire.h>
#include <Adafruit_GFX.h>
#include <Adafruit_SSD1306.h>

const int BREITE = 128, HOEHE = 64;
const int OLED_ADRESSE = 0x3C;
const int SIGNAL_PIN = 34;
const int BOOT_PIN   = 0;      // BOOT-Taste zum Markieren
Adafruit_SSD1306 display(BREITE, HOEHE, &Wire, -1);
int kurve[BREITE];
bool letzter = HIGH;

void setup() {
  Serial.begin(115200);
  pinMode(BOOT_PIN, INPUT_PULLUP);
  Wire.begin(21, 22);
  display.begin(SSD1306_SWITCHCAPVCC, OLED_ADRESSE);
  analogReadResolution(12);
  for (int i = 0; i < BREITE; i++) kurve[i] = HOEHE / 2;
}

void loop() {
  int wert = analogRead(SIGNAL_PIN);
  Serial.println(wert);                 // Messwert fuer Plotter/Monitor

  bool jetzt = digitalRead(BOOT_PIN);   // Taste gedrueckt = LOW
  if (letzter == HIGH && jetzt == LOW) {
    Serial.print("EVENT bei ms=");
    Serial.println(millis());           // Zeitstempel des Reizes
  }
  letzter = jetzt;

  for (int i = 0; i < BREITE - 1; i++) kurve[i] = kurve[i + 1];
  kurve[BREITE - 1] = map(wert, 0, 4095, HOEHE - 1, 0);
  display.clearDisplay();
  display.setCursor(0, 0); display.print("Beruehrung / Licht");
  for (int i = 0; i < BREITE - 1; i++)
    display.drawLine(i, kurve[i], i + 1, kurve[i + 1], SSD1306_WHITE);
  display.display();
  delay(20);
}
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